Solvency II

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Solvency II (engl. Zahlungsfähigkeit) bezeichnet einen von der EU-Kommission erarbeiteten Entwurf zur Umgestaltung der Versicherungsaufsichtssysteme in Europa. Seit dem 10. Juli 2007 liegen die Reformvorschläge dem EU-Parlament und den EU-Mitgliedsstaaten vor. Bereits Ende 2008 soll diese Richtlinien verabschiedet werden und eine Umsetzung ist bis Ende 2012 geplant.

Ziel ist es, das europäische Solvabilitätssystem zu verbessern und mit den Vorschriften des Bankensektors (Basel II) in Einklang zu bringen. Dabei sollen die Eigenkapitalanforderungen für Versicherungsunternehmen neu geregelt werden. Anstelle von Schadens- oder Beitragswerten bestimmt das tatsächlich übernommene Risiko die Höhe der Mindestkapitalausstattung.


Geschichte

Mit der Öffnung des europäischen Binnenmarktes wurde die Reformierung der Versicherungsaufsicht nötig. Dazu erarbeitete die sog. Müller-Kommission Verbesserungen für das bestehende Solvenzaufsichts- und Solvabilitätssystem für Versicherungsunternehmen. Zum 1. Januar 2004 traten die wesentlichen Vorschläge zur Schadens- und Lebensversicherung unter dem Begriff „Solvency I“ in Kraft.

Von da an musste die geforderte Solvabilität auch während eines Geschäftsjahres gegeben sein und nicht nur am Ende eines Geschäftsjahres. Weiterhin ist die Aufsichtsbehörde befugt frühzeitig gegen Versicherer vorzugehen und in deren Unternehmenspolitik einzugreifen.

Inzwischen haben sich allerdings die Rahmenbedingungen für Versicherungsunternehmen weiter stark verändert. Die Kapitalmarktentwicklung bewirkte einerseits die Entstehung neuer Versicherungsprodukte. Gleichzeitig waren die Versicherer allerdings mit höheren Risiken konfrontiert. Bereits seit 2000 arbeitete die EU-Kommission deshalb an einer weiteren Richtlinie, genannt „Solvency II“. Diese neuen Regelungen wurden in zwei Phasen umgesetzt.

Die erste Phase begann im Mai 2001 und endete am 19. September 2003. Im Mai 2002 legte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG eine Studie vor, die einen Einblick in die Versicherungsunternehmen und deren Kapitalstruktur lieferte. Sie empfiehlt die Versicherungsaufsichtsbehörden entsprechend dem „3-Säulen-System“ von Basel II zu gestalten. Mit den Dokumenten „Solvency II – Reflections on the general outline of a framework directive and mandates for further technical work“ (Markt/2539/03) und Arbeitspapier Markt/2509/03 vom 19. September bzw. 3. März 2003 stimmte die EU-Kommission diesem Vorschlag zu und äußerte sich genauer zu dessen Umsetzung.

Es wurden von der EU-Kommission verschiedene Arbeitsgruppen, so genannte CEIOPS (Committee of European Insurance and Occupational Pensions Supervisors), eingesetzt, die Vorschläge zur Ausgestaltung des künftigen Solvabilitätssystems erarbeiten sollen. Die Arbeitsgruppen, die 2004 ihre Arbeit aufnahmen, sind nach dem Säulenkonzept gegliedert:

  • Leben / Nicht-Leben (Säule I)
  • Qualitative Finanzaufsicht (Säule II)
  • Markttransparenz (Säule III)
  • Sektorübergreifende Fragen

Bis 2005 wurden Zwischenberichte mit ersten Strukturierungs- und Lösungsvorschlägen für die qualitativen Anforderungen (Säule II), versicherungstechnische Rückstellungen, Anforderungen an interne Modelle, Modellierung des Standardansatzes und der Definition von „Solvency Control Levels“ vorgelegt.

Als Ergebnis der Phase II ist am 10. Juli 2007 ein Dokument über die konkrete Gestaltung, Organisation und den zeitlichen Planungshorizont vorgestellt worden. Nach diesem Entwurf wurden 13 bestehende Richtlinien aufgenommen und um Solvency II-spezifische Regelungen ergänzt. Die am 26. Februar 2008 vorgestellte, überarbeitete Rahmenrichtlinie liegt nun dem Europäischen Parlament und dem Europäischen Rat zur weiteren Abstimmung vor.

Während des Entwurfsprozesses wurden Studien zur quantitativen Auswirkung (QIS) von Solvency II durchgeführt, deren Ergebnisse in die Richtlinie miteingeflossen sind. Auch nach der Entwurfsvorlage sind weitere Studien geplant, die der Vorbereitung von Durchführungsbestimmungen der Solvency II dienen sollen.

Es ist vorgesehen, dass Solvency II 2012 in Kraft tritt.

CEIOPS workplan.JPG

Das 3-Säulenkonzept

Ähnlich den Regelungen von Basel II beruhen auch die Vorschriften auf einem „3-Säulen-Modell“. Hierbei werden folgende Säulen betrachtet:

Säulensolvency.jpg

Erste Säule – Finanzausstattung

Die Regelungen über die Finanzausstattung eines Versicherers treffen insbesondere eine Aussage über die Höhe der Rückstellungen, Kapitalvorschriften und Solvabilitätsspanne (= definierter Kapitalbetrag an „freien und unbelasteten Eigenmitteln“ [§ 53 c (1) VAG], stellt einen Teil des Gesamtrisikos eines Versicherungsunternehmens dar).

Die EU-Kommission rät den nationalen Aufsichtsbehörden die versicherungstechnischen Rückstellungen auf ein konstantes Niveau einzupendeln. Dadurch können Statistiken erstellt werden, was eine Verbesserung der europaweiten Überwachung ermöglicht.

Des Weiteren soll das gebundene Vermögen den Grundsätzen Sicherheit, Rentabilität, Liquidität und Mischung & Streuung genügen, d.h. es wird ein „Asset-Liability-Management“ von Unternehmensseite gefordert. In Deutschland sind diese Prinzipien bereits in der Kapitalanlagenverordnung AnlV festgehalten. Die EU-Kommission hält allerdings eine konkretere Formulierung der Anlagegrundsätze für notwendig. Weiterhin sollen mit der Überwachung der Mindestkapitalausstattung („target capital“) der Versicherer Anreize geschaffen werden, das eigene Risiko effektiv zu ermitteln. Um diese Soll-Solvabilität zu bestimmen, ist die Einführung eines Standard-Risiko-Modells geplant. Darin sollen insbesondere folgende Risikokategorien berücksichtigt werden:

  1. versicherungstechnisches Risiko (Risiko aus Tätigkeit als Versicherer, z.B. falsche Prämienkalkulation)
  2. Kapitalanlagerisiko (Risiko des Verlustes von angelegtem Kapital)
  3. Kreditrisiko (Risiko des Kreditausfalls)
  4. Operationelles Risiko (unternehmensstrukturelle Risiken)
  5. „Asset-Liability-Mismatch“-Risiko (Risiko der falschen Kapitalanlagekoordination)

Dieses Modell können die Unternehmen gegebenenfalls durch ein eigenes ersetzen, wenn eine bessere Risikoabbildung nachgewiesen werden kann.

Da die bisherigen Aufsichtsnormen nur das gebundene Vermögen betreffen, werden Vorschriften für den Umgang mit „freien und unbelasteten“ Eigenmitteln angestrebt.

Die Ermittlung des europäischen Standard-Risiko-Modells für Solvenzkapitalanforderungen (SCR = Solvency Capital Requirement) steht im Vordergrund der QIS 4.

Im Rahmen dieser aktuellen Studie, deren Ergebnisse 2009 veröffentlicht werden sollen, werden risikoabhängige Vereinfachungsmethoden und die Verwendung unternehmensspezifischer Parameter getestet.

Zudem soll QIS 4 Aufschluss über die Qualität der verwendeten internen Modelle und deren Auswirkungen auf die Solvenzkapitalanforderung geben.


Berechnung der traditionellen Soll-Solvabilität bei Schadens- und Unfallversicherern

  • nach Prämieneinnahmen:
  (18% * (Bruttoprämien <= 50 Mio) + 16% * (Bruttoprämien > 50 Mio)) * Selbstbehaltungsquote (>= 50%)
  • nach Schäden (mittlere Schadenaufwendungen in den drei vorangegangenen Jahren):
  (26% * (Bruttoprämien <= 35 Mio.) + 23% * (Bruttoprämien > 35 Mio.)) * Selbstbehaltungsquote (>= 50%)


Beispiel

Ein Versicherer mit Prämieneinnahmen von 75 Mio. € und einer Selbstbehaltungsquote von 60 % muss eine Mindestkapitalausstattung von 52,8 Mio. € aufweisen. Bei einem durchschnittlichen Schadenaufwand von 40 Mio. € beträgt die Kapitalanforderung 50,25 Mio €.

Zweite Säule – Risikomanagement

In diesem Abschnitt sind Regelungen über interne Modelle und Risikomanagement festgehalten. Aufbauend auf den Anfang 2003 vorgelegten „Sharma-Bericht“ (nach Vorsitzenden benannte Arbeitsgruppe der Konferenz europäischer Versicherungsaufsichtsbehörden (EISA), beleuchtet das Projekt Solvency II aus der Sicht der wichtigsten Nutzer der Aufsichtsvorschriften, den Aufsichtsbehörden der Europäischen Union) wird eine eigenständige, „automatische“ Kontrolle und Verwaltung innerhalb eines Unternehmens gefordert. Dazu sollen u.a. unternehmensintern die strategischen Ziele und Werte kommuniziert werden, die Verantwortlichkeitsbereiche klar bestimmt und abgegrenzt sein und Prozesse und Strukturen der Risikoüberwachung festgelegt und dokumentiert werden.

Die Versicherer sind dazu angehalten nur solches Kapital zu zeichnen, welches kontrollierbare Risiken und genügend Absicherung durch Rückversicherer besitzt. Deshalb ist gerade im Bereich der Schadensversicherung eine genaue Erfassung und geregelte Aktualisierung von Schäden zu veranlassen. Ebenso ist kontinuierlich auf die auf die Bonität und Liquidität der rückversichernden Partner zu achten.

Im Aktiva- und Finanzmanagement soll u.a. ein Risikotoleranzbereich und die Anlagestruktur festgelegt werden. Weiterhin soll mit Hilfe von geeigneten Instrumenten auf die Liquidität der Anlagen und die Wechselwirkungen zwischen den Risikostrukturen von Aktiva und Passiva geachtet werden.

Es wird angestrebt alle Einflussgrößen in die Risikoanalyse einfließen zu lassen. Dabei kann z.B. die Auswirkung von Konjunkturzyklen und Naturkatastrophen mittels Szenarioanalyse bestimmt werden.

Dritte Säule – Publizität

Die letzte Säule trifft Aussagen über die Publizitätsvorschriften und die Kommunikation nach außen. Den Aufsichtsbehörden soll die Finanz- und Risikolage des Unternehmens offen gelegt werden. Auch den Finanzmärkten, Ratingagenturen oder das externe Rechnungswesen sollen Informationen zur Verfügung gestellt werden. Allerdings ist dabei zwischen Öffentlichkeitsinteressen und Wettbewerbsinteressen des Unternehmens zu abzuwägen. Um den Publizitätspflichten nachzukommen ist eine enge Anlehnung an die Rechnungslegungsvorschriften nach IAS/IFRS geplant.

Durch die Offenlegungspflichten sollen auch die Marktmechanismen gestärkt werden und die Unternehmen zu Qualität und Sicherheit gezwungen werden.

Ziele und Auswirkungen von Solvency II

Ziele des Solvency II-Projektes (Markt 2535/02):

  • Fortführung der Harmonisierung im Finanzdienstleistungssektor
  • Weitestgehende Wettbewerbsneutralität
  • Umfassende, realistische Beschreibung der tatsächlichen Risikolage des Versicherungsunternehmens
  • Umfassendes Aufsichtskonzept
  • Anreize für die Entwicklung interner Modelle und Systeme

Es wird erwartet, dass die geplanten Umstrukturierungen und die stärkere Risikoorientierung der Versicherer ebenfalls Einfluss auf das Produkt- und Leistungsspektrum haben werden. Die durch Solvency II veränderten Kapitalkosten werden sich auf die Produktentwicklung auswirken und voraussichtlich zu einer Preissteigerung bei Produkten in Sparten mit einem hohen Kapitalbedarf führen.

In Bezug auf Leistungsversprechen ist ein vorsichtigerer Umgang mit Garantien und die Einpreisung von Optionen abzusehen.

Aus Sicht der Versicherungsunternehmen werden laut einer Studie des Outsourcing Dienstleisters Accenture durchweg positive Auswirkungen erwartet. 78 Prozent der befragten Unternehmen glauben an eine verbesserte Transparenz und Kontrolle ihres Risiko- und Kapitalmanagements durch die Einführung von Solvency II. Viele Unternehmen sehen strategische Wettbewerbsvorteile durch die Umsetzung der Richtlinie voraus.

Aktuelle Diskussionen

Zur Zeit wird die Durchsetzung der Solvency II Richtlinie von 15, hauptsächlich osteuropäischen, Ländern blockiert. Grund ist das umstrittene Konzept der Gruppenaufsicht, nach dem die Aufsichtsbehörden, die das Mutterunternehmen zugelassen haben, weitreichende Zuständigkeiten für die gesamte Gruppe erhalten sollen.

Länder, die von ausländischen Versicherungsgesellschaften dominiert werden, fürchten die Kontrolle über diese Unternehmen zu verlieren.

Ein Lösungsansatz des Streitpunktes sieht die stärkere Einbeziehung nationaler Aufseher und die Verschärfung der Kapitalanforderungen von lokalen Tochtergesellschaften vor.


Exkurs: Funktion von Solvabilitätsvorschriften

Solvabilitätsvorschriften bezeichnen Regelungen über die Kapitalausstattung eines Versicherungsunternehmens mit dem Ziel, dessen Zahlungsfähigkeit auch in Krisensituationen zu gewährleisten. Neben dem Schutz der Versicherten steht dabei auch im Vordergrund, den Fortbestandes des Unternehmens zu sichern und die volkswirtschaftliche Stabilität zu sichern.

Traditionell funktionieren die Regelungen wie folgt. Zunächst wird anhand des Jahresabschlusses eine Risikomessung vorgenommen. Daraus wird die notwendige Kapitalaustattung (Soll-Solvabilität) abgeleitet und schließlich mit der tatsächlichen Kapitalausstattung (Ist-Solvabilität) verglichen.


Quellen

  • Wagner, F., Vortrag Zusammenhänge zwischen wertorientierter Steuerung, Solvency II und der internationalen Rechnungslegung im Versicherungsunternehmen, Institut für Versicherungswissenschaften an der Universität Leipzig, Dresden, 8. Juni 2007

Siehe auch